Martin Walser
Wer da einsteigt, kommt im Herbst unweigerlich in den Keller, wo die Geranien auf Gestellen überwintern, wo es friedhofhaft riecht, wo der Kartoffelkeller mit weißen Trieben, der Weinkeller mit feurigen Düften benachbart ist. Dort gibt es zum Verlorengehen auch noch den Obstkeller. Den Eiskeller, in dem die Schweinehälften senkrecht hingen und breit die Brust des Kalbs und als Ketten die Würste. Und die Waschküche. In der wird geschlachtet. Für immer. Aber alle, die sich über drei Stufen nach hinten hinausretten in den Hof, sind in Gefahr im nur zu ertastenden Dunkeltum von Remise, Schopf oder Stall zu verschwinden; da soll es ruhig nach gequälter Katze riechen, nach betasteten Mädchen, Kohle, gemischtem Kinderurin. Oder ist es besser, den Apfelbäumen zu verfallen, dem Birnenspalier, der Traubenwand, den hohen Stößen aus Holz? Eine Holzhandlung gehörte doch auch dazu. Und die Kohlenhandlung. Auch mit Fetten war ein glückloser Handel versucht worden. Angorahasen sollten verkäufliche Wolle bringen. Silberfüchse waren vorgesehen. Der Nachbar probierte Biber. Nein, die unglückliche Ökonomie dieser Jahre ist fast das Attraktivste. Weg davon. Wohin? Zum Nachbar Schuhmacher? Aber zu welchem, wenn zwei Schuhmacher ihre Lederdüfte und Sohlengeschichten von Ost und Südwest hersenden? Oder gleich zum Schreiner, der, bevor er mit einem sprechen konnte, seine irrsinnigen Maschinen zum Schweigen bringen und, um die Augen richtig öffnen zu können, das Sägmehl aus der Luft wischen mußte.
Er soll weder Maschinen abstellen, noch Sägmehl aus der Luft wischen. Wenn zu der unendlichen Gegenständlichkeit auch noch die Zeit ihre Macht andeuten dürfte, gibt es gar keine Rettung mehr. Dann wäre nicht mehr zu verschweigen, daß zum Anwesen an der Terrassenecke, die höchste Fahnenstange des Dorfes gehörte, bestimmt dafür, ortsfremde, aber weiß?blau durchgesetzte Belange zu feiern; aber dann wurde, weil ein noch fremderes Vaterland uns rekrutiert hatte und weil vor dem Bahnhof Platz war für die Aufstellung von Marschkolonnen und weil nach der Auflösung derselben ein Bier erwünscht sein konnte, deshalb wurde zur Attraktion von Durstigen also auch die schwarzweißrote Fahne und dann auch noch die schwarzweißrote plus Hakenkreuzkreis gehißt. Da begänne die Handlung. Ich lasse die Kolonnen des Kriegervereins, Gesangvereins, Musikvereins, der Marine?SA unformiert. Die Fahnen bleiben unentfaltet in der Wirtschaft, wo sie werktags bei den Pokalen verdämmern. Wir waren der Tummelplatz jeder Geschichte. Wir haben keine ausgelassen. Hier würden sich Wege trennen und jeder würde zum Entsetzlichen führen. Ein Krieg begänne. Ein Dorf würde überleben, um dann in der Neubauzeit unterzugehen. Alle 1927 in Wasserburg Geborenen bzw. alle Geborenen bzw. alle verlieren Wasserburg. Es ist nicht zu retten. So wenig wie die Menschen selbst. Als wir alle noch in jenem Wasserburg lebten, wußten wir nicht, was das einmal für uns bedeuten würde. Von heute aus gesehen, bewegten wir uns DAMALS wie im Traum, wie auf der Bühne, wie im Roman. Dann kam der Auszug. Wir glaubten Wasserburg verlassen zu können. Die Gegenwart winkte uns. Der Dialog wurde geübt. Die Behauptung geprobt. Die Verwirklichung von etwas, das wir selbst nicht kannten, aber durch die Verwirklichung kennenlernen wollten: das sogenannte Selbst. Kannst du dazu auch noch Geld verdienen? Alles wurde mit allem in Einklang gebracht. Und es wurde drauflosgelebt. Menschenfresser gab es nicht mehr, nur noch Anpassungsmeister: Professoren, Ärzte, Schriftsteller, Unternehmer, Pfarrer und Politiker, die dich bildeten für ihre Gegenwart. Du hast alles nachgemacht und den jeweils üblichen Preis bezahlt. Bis du merkst, was du tust, hast du es getan. Bis du merkst, daß die Korrektur einen neuen Irrtum installiert, ist der schon installiert. Bis du merkst, daß es zu spät ist, ist es zu spät. Was hast du getan? Zu wenig. Und das Wenige zu schnell. Das ist eben so. Ist das so? Bleibt das so? Du mußt alles noch einmal durchnehmen, Mensch. Von Wasserburg an. Jetzt ist alles Stoff. Von Wasserburg an. Jetzt, nachdem nichts mehr Leben und alles Stoff ist, kann man vielleicht endlich was anfangen damit. Von Wasserburg an.
Aus: Martin Walser, Von Wasserburg an. In: Allmende 1, 1981, Heft 1, Seite 40-41
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