Jacob-Picard-Freundeskreis
Jacob Picard am Bodensee
Alle Bilder: Courtesy by Leo Baeck Institute , New York
Noch heute ist die südlich von Radolfzell im Untersee gelegene Halbinsel Höri ein Ort, an den es die Kunstschaffenden zieht. Auf den Spuren von Hermann Hesse und Otto Dix, um nur die beiden Berühmtesten einer Vielzahl von Schriftstellern und Malern zu nennen, die aus den verschiedensten Gründen einige Jahre ihres Lebens auf der idyllischen Halbinsel verbracht haben, kamen und kommen noch heute viele Künstler und noch mehr bildungshungrige Touristen auf die Höri.
Während dem Gedenken an Hesse und Dix eigene, gut besuchte Museen gewidmet sind, erinnerte bis vor kurzem nur eine schlichte Gedenktafel an den einzigen Dichter von Rang, der auf der Höri auch geboren wurde: den aus Wangen gebürtigen Jacob Picard, der seine Kindheit in dem kleinen Höridorf verbrachte, um dann als Zwölfjähriger, der besseren Bildungschancen wegen, nach Konstanz zu übersiedeln. Dabei ist Picard d e r Dichter des alemannischen Landjudentums, der mit ungemein zarter, plastischer Stimme an die Geschichte seiner Vorfahren und an das Miteinander in der christlich-jüdischen Landgemeinde Wangen im ausgehenden 19. Jahrhundert erinnert.
Dem Ziel, das Andenken dieses großen Dichters und die Kenntnis seines Werkes zu befördern, hat sich ein Kreis von Literaturfreunden von der Höri und aus dem Bodenseeraum verschrieben.
Wer war Jacob Picard?
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Jakob Picard (Zeichnung, Waentig)
Picard wurde 1883 in Wangen auf der Höri geboren. Zweierlei wurde für ihn prägend: die Landschaft des Untersees und die Lebenswelt der hier seit Generationen ansässigen Landjuden. Zwar hatte das jüdische Leben in Wangen seinen Scheitelpunkt damals schon überschritten, doch war es noch lebendig genug, dass „unser ganzes Leben davon erfüllt war, daß es die Luft war um mich von Anbeginn…“.
1895 übersiedelte die Familie nach Konstanz, wo sich die literarischen Interessen des Knaben früh auszubilden begannen. 1903, nach dem Abitur, war er Zuhörer bei einem der Zionistischen Kongresse in Basel, die ihn stark beeindruckten. Im selben Jahr begann er ein Studium der Germanistik und Geschichte, das seiner Neigung am ehesten entsprach, wechselte jedoch 1905 zu Jura als Brotberuf, ohne seine literarischen Interessen aufzugeben.
Picard als Soldat
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erschienen zahlreiche Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften wie „Rheinlande“, „Schaubühne“ und „März“. 1913, im Jahr seiner Promotion zum Dr. jur., kam auch sein erster Gedichtband „Das Ufer“ heraus. Am Weltkrieg nahm Picard vier Jahre lang „heftig“ teil; dem Gedenken zweier gefallener Brüder ist sein zweiter Gedichtband von 1920 („Erschütterung“) gewidmet.
Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sich Picard zunächst als Rechtsanwalt in Konstanz nieder, um nach seiner Heirat mit Frieda Gerson (1924) nach Köln zu ziehen, wo er Mitarbeiter großer Blätter wurde und als Syndikus des Rheinisch-Westfälischen Schriftstellerverbandes arbeitete. 1929 wurde seine glücklose Ehe geschieden. Als 1933 die politischen Ereignisse seine geplante Rückkehr nach Konstanz vereitelten, hatte sich Picard bereits seit geraumer Zeit der Schilderung der Lebenswelt der alemannischen Landjuden gewidmet. In einer von Hebel, Keller und Gotthelf beeinflussten Prosa gelangen ihm ein Dutzend längerer Novellen, die 1936 im der „Jüdischen Buchvereinigung“ erschienen und ihm die Anerkennung von Herman Hesse, Stefan Zweig und Kurt Pinthus eintrugen. „Es ist ein Kleinleben reich an gewinnenden und an heiteren Zügen“ schrieb Hermann Hesse, „reich an Anekdoten, an Überlieferung, an Frömmigkeit, ja an stiller Größe… Picards Erzählungen seien empfohlen nicht nur als ein literarisch gutes Buch, sondern auch um ihrer menschlichen Wärme und Tiefe wegen“.

Nachmittagskaffee bei Erich Bloch am Bodensee
Nachdem Picard zwischen 1936 und 1938 noch einmal zwei Jahre in Horn auf der Höri verbracht hatte – „so, als ob einer unseres Geschlechts noch einmal die Verbundenheit der Generationen vor dem großen Abschied hätte bestätigen müssen“ – begann er sich von Berlin aus, wo er noch die Bekanntschaft Gertrud Kolmars machte, gezielt auf das Exil vorzubereiten, das ihm 1940 mit einer der letzten Gelegenheiten gelang. (Unterwegs, in Japan, erfuhr er von der Deportation seiner badischen und pfälzischen Landsleute nach Gurs).
In den USA blieb dem inzwischen 57jährigen ein beruflicher Wiedereinstieg versagt; er musste sich als Gärtner und Hilfsarbeiter durchbringen. Ein Familienstipendium ermöglichte es ihm, sich der Biographie des 48er Generals Franz Sigel zu widmen, der zugleich ein Held seiner Jugend war: der Großvater hatte unter ihm gekämpft. So gelang es Picard, der trotz dankbar akzeptierter amerikanischer Staatsbürgerschaft (1946) nie ein Verhältnis zu den USA fand und im Grunde ein Fremder blieb, „in Amerika in Deutschland“ zu sein.
1957 kam er erstmals wieder nach Deutschland und besuchte auch seine Heimat; doch an eine Rückkehr in die deutsche Literatur war lange nicht zu denken. Jüdisches schien besetzt durch Ghetto und Ostjudentum; ein freies, selbstbewusstes und doch gläubiges Judentum, so klagte Picard immer wieder, hatte es scheinbar nie gegeben. Erst der Achtzigjährige durfte eine Neuauflage seiner (überarbeiteten) Erzählungen in der Hand halten („Die alte Lehre“, DVA 1963); und als ihm die Stadt Überlingen 1964 den Bodensee-Literaturpreis zuerkannte, durfte er dies über die literarische Würdigung hinaus als Geste zur Rückkehr verstehen. 1965 kehrte der inzwischen Pflegebedürftige nach Deutschland zurück und starb im Oktober 1967 in einem Konstanzer Altenheim.
Picard – Dichter des deutschen Landjudentums

Brief des badischen Oberrats der Israeliten
Nach der Vertreibung der Juden aus den Städten des Mittelalters wurde das Landjudentum auf Jahrhunderte zur vorrangigen Existenzweise der jüdischen Bevölkerung. Es war in ganz Süddeutschland anzutreffen – vor allem im deutschen Südwesten, wo die Juden einem wechselhaften Schicksal zwischen Tolerierung und Vertreibung ausgesetzt blieben. Auch an Bodensee und Hochrhein gab es sogenannte Judendörfer, in denen ein heimattreues, halbbäuerliches und selbstbewusstes Judentum lebte. Wangen, in dem die jüdische Gemeinde 1865 mit 233 Mitgliedern ihren zahlenmäßigen Höhepunkt erlebte, war eines von ihnen. Obwohl sich das Zusammenleben mit der christlichen Mehrheit auskömmlich gestaltete, zogen in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Juden in die Städte, um bessere Bildungs- und Berufschancen wahrzunehmen. Dieses Ausbluten der „Judendörfer“ ließ das Landjudentum zum Verlierer werden, und selbst unter Stadtjuden wurde es vielfach mit Unbildung, Armut und Mangel an Assimilation gleichgesetzt.
Wie unrecht man dem Landjudentum damit tut, macht das Werk Jacob Picards deutlich. Seine Novellen zeigen uns die Juden seines Dorfes als ein aufrechtes Volk, das am Glauben der Väter hängt, selbstbewusst ist und das Ghetto nicht kennt. Die Bedeutung des Landjudentums reicht deshalb über seine marginale Stellung weit hinaus. Denn anders als der Ghettojude war der Landjude frei, und im Gegensatz zu den meist auf ihre Verleugnung bedachten Stadtjuden hätte es für ihn gar keinen Sinn gehabt, „sich zu verbergen und den anderen vorzutäuschen, man sei ganz einer der ihren; denn jeder kannte den anderen zu genau als seinen nächsten Nachbarn. Der Getaufte vollends in einem Dorfe wäre eine unmögliche, ja verächtliche Erscheinung bei beiden Bevölkerungsteilen gewesen“.
Dies erkannt und in einem gültigen literarischen Werk gestaltet zu haben, begründet den Rang Picards – und mehr noch seine besondere Stellung innerhalb der deutschen und der jüdischen Literatur.
Bibliographie:
Das Ufer. Gedichte. Heidelberg: Hermann Meister 1913Erschütterung. Gedichte. Heidelberg: Hermann Meister 1920
Der Gezeichnete. Erzählungen aus einem Jahrhundert. Berlin: Jüdische Buchvereinigung 1936
The marked one. Stories. Philadelphia: The Jewish Publication Society of Amerika 1956
Der Uhrenschlag (Gedichte). Stierstadt: Eremiten-Presse 1960
Die alte Lehre. Geschichten und Anekdoten. Stuttgart: DVA 1963
Die Werke Picards erscheinen heute im Verlag Libelle, Lengwil. Lieferbar sind:
Jacob Picard, Werke. Gesammelte Erzählungen, autobiographische Texte, Gedichte, Essays. 616 S., 29,65 €.
Und war ihm leicht wie nie zuvor im Leben. Die schönsten Erzählungen. 200 S., 13,80 €.
Was will der Freundeskreis Jacob Picard?
Der Freundeskreis Jacob Picard möchte dazu beitragen, der Person und dem Werk Jacob Picards zu breiterer Resonanz zu verhelfen und das von ihm geschilderte Landjudentum als eine Erscheinung eigener Tradition und eigenen Gewichts bewusst zu machen. Dies wollen wir zum einen auf den traditionellen Wegen literarischer Vermittlung erreichen: durch Lesungen (auch im privaten Kreis), Vorträge, Seminare und Tagungen; zugleich suchen wir aber auch nach neuen Wegen und Methoden: etwa im Unterricht, in der Jugendarbeit, in Schule und Erwachsenenbildung, in der Touristik und durch Führungen durch das jüdische Wangen u. ä.
Das 'alte' Geburtshaus von Picard in Wangen.
Ferner wollen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das landjüdische Leben erforschen, zur Forschung animieren und die Ergebnisse einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Dasselbe gilt für Leben und Werk Picards selbst, die noch manchen Ansatz zur Klärung offener Fragen bieten (etwa durch Befragungen, Auswertung seiner Korrespondenz etc). Damit wollen wir eine systematische Sichtung der Ortsakten im Wangener Rathaus ebenso verbinden wie die Anregung von Arbeiten zu einschlägigen Aspekten und Themen. Der Aufbau eines Jacob-Picard-Archivs am Geburtsort Wangen, das der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, gehört ebenso zu unseren langfristigen Zielen wie die Bemühung um eine Verbesserung der Präsenz der Werke Picards im Buchhandel.

Das Picardsche Geburtshaus in Wangen heute.
Noch heute ist das Wangener Ortsbild durch die Jahrhunderte währende Geschichte des jüdisch-christlichen Miteinanders geprägt; eine ganze Reihe von Gebäuden erinnert durch ihre eher städtisch anmutende Architektursprache an die einstigen jüdischen Bewohner. Die Unterschutzstellung des Wangener Unterdorfes als Gesamtanlage (nach §19 des Denkmalschutzgesetzes), für die sich das Landesdenkmalamt bereits ausgesprochen hat und die einen wesentlichen Beitrag zur Bewahrung des dörflichen Charakters leisten würde, ist uns ein Anliegen.
In Wangen selbst erarbeiten wir derzeit eine kleine Gedenkausstellung, die an Picard und das christlich-jüdische Miteinander im Dorf erinnern soll. Dieser Erinnerungsort soll im Laufe des Jahres 2007 im alten Wangener Rathaus eingerichtet werden, in unmittelbarem räumlichen Zusammenhang mit dem vom Ortschaftsrat geplanten Tourismus- und Gästebüro. Die Berücksichtigung Jacob Picards im Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen wurde bereits verwirklicht; seit Juni 2004 erinnern dort eine Vitrine und Textfahnen an ihn.
Bruno Epple bei der Picard-Lesung
Unser erstes größeres Projekt war die Wiederholung der „Lesereise Jacob Picard“ im Jahr 2005/2006. Auf Initiative und Einladung des Oberrats der Israeliten in Karlsruhe unternahm Jacob Picard im Jahr 1937 eine Lesereise, die ihn in eine Reihe badischer und württembergischer Städte führte. In Konstanz, Baden-Baden, Pforzheim, Mosbach, Karlsruhe, Heidelberg, Weinheim, Hechingen, Stuttgart, Göppingen und Ulm las Picard vor einem rein jüdischen Publikum, das im „Jüdischen Kulturbund“ organisiert sein musste, aus seinen Erzählungen, die kurz zuvor in dem Band „Der Gezeichnete“ erschienen waren. Der Oberrat bestätigte Picard anschließend, „den Menschen in der schweren Zeit Bestätigung ihres Eigensten“ gegeben zu haben „und ein wenig Trost“.
Unter gänzlich veränderten Bedingungen hat der Freundeskreis Jacob Picard diese Lesereise „wiederholt“. Es waren zwar nicht dieselben Orte wie damals; aber fünfzehn Mal wurde vom Herbst 2005 bis zum Frühjahr 2006 an Orten des Erinnerns und im Rahmen von Gedenkstätten-Initiativen an Jacob Picard und sein Werk erinnert. Schauspieler und Rundfundsprecher lasen aus Picards „Erinnerung eigenen Lebens“ und seinen Novellen und erinnerten damit an das von ihm so anrührend geschilderte, gläubige u n d selbstbewusste Landjudentum als eine eigene Lebenswelt.
Derzeit gehören dem Freundeskreis Jacob Picard an:
Manfred Bosch, Lörrach; Suzanne Dingler, Gaienhofen; Andrea Dix, Öhningen; Bruno Epple, Wangen; Helmut Fidler, Gundholzen; Dr. Jochen Greven, Horn; Jost Grosspietsch, Freiburg/Sulzburg; Dr. Hannelore König, Steinenbronn; Hanno Kunz, Wangen; Tom Leonhardt, Wangen; Dr. Anne Overlack, Bankholzen; Dr. Helmut Schlichtherle, Wangen; Werner Trapp, Konstanz, Dr. Gert und Edith Wolf.Kontakt:
Der FJP steht prinzipiell jedem offen; über Interesse, Fragen und Anregungen freuen wir uns. Ansprechpartnerin ist
Dr. Anne Overlack, Deienmooserstr. 7, 78345 Moos-Bankholzen
Tel. 07732-58578; Fax 971101; Anne.Overlack@t-online.de
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