Literatur- und Kunst in Zürich 2008
Literarischer Bummel in Zürich
Julia Ann Stüssi
Schichten verstorbener Dichter
Ein literarischer Bummel mit Mädchen, Matrosen und sittenrohen Asiaten: Die Stadt Zürich aus geführter Sicht auf Literaten, organisiert vom Verein Forum Allmende.
„Zürich ist ein offenes Lesebuch für den, der es zu lesen versteht.“ Wir besammeln uns in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek, und zwar in einer kleinen, aufgeheizten Kammer mit Schrägfensterchen, durch das der blaue Zürcher Himmel scheint. Wir, das sind rund zwanzig Neugierige, die sich für den literarischen Stadtspaziergang des Forum Allmende angemeldet haben, und die wir nun dicht aneinander stehend oder sitzend Korrespondenz erlesener Federführer aus der literarischen Vergangenheit Zürichs bewundern dürfen.
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„Verehrungswürdiger Herr Bodmer“, „Liebster Klopstock“ liest Frau Marlis Stähli laut vor, und reicht die entsprechenden Briefe herum, bevor sie schliesslich ein Buch der besonderen Art hervorzieht. Von aussen ganz unscheinbar, der Bücherrücken ist mit Bibliothek beschriftet, trägt das Buch in seinem Inneren keine Seiten sondern entpuppt sich als Kassette mit Hohlraum. Öffnet man also den Buchdeckel, so zeigen sich vier Reihen winziger Bücherrücken, eine ganze Miniaturbibliothek. Diese kleinen Kistchen sind keine gebundenen Büchlein, sondern die Hülsen für winzige, fein säuberlich gebündelte Kärtchen. Auf diesen Kärtchen hat Lavater, der diese Art von Schatzkistchen anfertigen liess, je einen seiner Sinnsprüche verewigt; Frau Stähli liest: „Echte Klugheit darf der Weisheit ganz sich erfüllen“. Beim betrachteten Beispiel handelt es sich um ein Geschenk Lavaters an seine Tochter. Im grossen Buchdeckel steht der Satz: „Der das Leere gibt, verheisst Erfüllung des Leeren“, die Kärtchen der unteren drei Reihen der Miniaturbücher sind nämlich noch blank, gedacht zur freien – und offenkundig ungenutzten – Beschriftung durch die töchterliche Hand.
Zwei Stunden lang packt Frau Stähli Mappe für Mappe von ihrem Rollgestell. Mit spitzen Fingern fasst sie „Kostbarkeiten“ aus den vergangenen Jahrhunderten an, breitet hauchdünne Papiere vor uns auf dem Tisch aus und entziffert geduldig erste Satzbrocken. Anekdoten werden erzählt, Freundschaften und Geldprobleme aufgedeckt, Geschichten angebrochen. Schriften werden hobbygraphologisch verglichen: Worüber geben die riesigen Wortabstände in Thomas Manns Schrift Aufschluss? Ob Katja Manns schriftliche Schräglage etwas über Ihr Anlehnungsbedürfnis an der Vertikalen des Gatten aussagt?
Die Papiere sind von der schieren Beweiskraft des Materials aufgeladen: Man oht und aht. Die Schnörkel stammen von Georg Büchner, von Thomas Mann, von Else Lasker-Schüler, oder gar von Lavater, von Bodmer, von Füssli. Man beschaut und bewundert, das Entziffern der Schriften überfordert aber die meisten auf die Schnelle, und so bleibt uns der Inhalt der Korrespondenzen weithin verborgen.
Wir verabschieden uns vom Kämmerchen, das mittlerweile ganz stickig geworden ist, und finden uns kurz danach vor dem Bodmerhaus direkt neben dem Uni-Hauptgebäude wieder, wo sich uns in der Obhut von Herr Diederichs eine wunderbare Aussicht auf die Stadt Zürich auftut. Kurz darauf betreten wir das im 17. Jahrhundert gebaute Haus und steigen über den roten Treppenteppich in die Höhe. Im ehemaligen Arbeitszimmer Bodmers findet sich heute eine Nachbildung des Kilchberger Arbeitszimmers von Thomas Mann. Hier seien aus statischen Gründen höchstens zwanzig Besucher gleichzeitig zugelassen – unsere Hochachtung werde aber wohl den Durchbruch nach unten verhindern, so Diederich lächelnd und er beginnt zu erzählen.
Bodmer lädt den von ihm verehrten Klopstock nach Zürich ein. In freudvoll temperierter Erwartung stellt er sich den Besucher als einen zarten Dichter, einen seraphischen Jüngling vor, der nur dem Guten und Schönen nachstrebt, und heisst Klopstock, als dieser endlich vor ihm steht in würdevoller Form willkommen, Klopstock aber stürmt heftig in seine Stube hinein, lässt alle Formalitäten und Bodmer stehen, durchquert den Raum und reisst sogleich das Fenster auf. Lauthals preist er die paradiesische Aussicht, den See und die Berge, um dann die Frage „und Mädchen, Bodmer? Wie sind ihre Mädchen?“ zu stellen. „Wie?“ fragt Bodmer erschrocken, als traue er seinen Ohren nicht. Klopstock unbeirrt: „Wie weit wohnen Mädchen ihrer Bekanntschaft, von denen Sie glauben, dass ich einen Umgang mit ihnen haben könne? Mädchen gehören in dieses himmlische Umfeld wie die Blumen in die Wiese! Es wird köstlich werden, wir werden wie die Götter leben“ Bodmer völlig konsterniert – bereits nach sechs Wochen verlässt Klopstock das Bodmerhaus, unvorhergesehen kurze Zeit nur halten es die beiden miteinander aus.
Diederichs schmunzelt, Klopstock habe seine Mädchen schliesslich gefunden, wie wir aus der Ode Der Zürichsee, die angeblich alle Zürcher auswendig können, wüssten: Zugrunde liegt dieser nämliche eine Bootsfahrt mit zwei schönen Frauen.
Zu Bodmers Zeiten seien junge deutsche Schriftsteller vor der Wahl gestanden, nach Leipzig oder nach Zürich zu ziehen. Leipzig, das hiess Gottsched, Anhänger der französischer Schule, der naturgetreuen Abbildung, der Dichtung als Verstandessache. Oder Zürich, wo Bodmer die Bedeutung der mittelalterlichen deutschen Literatur und die Engländer Milton und Shakespeare entdeckte, bei denen die Einbildungskraft des Dichters im Mittelpunkt stand. Es sei Bodmers Anregung zu verdanken, dass Wieland als erster Shakespeare – und zwar hier in Zürich – ins Deutsche übersetzte. Bodmer selber unternahm wacker einen Übersetzungsversuch von Miltons Paradise Lost mit Hilfe eines Wörterbuches, obwohl des Englischen nicht mächtig – es müsse eine greuliche Übersetzung sein, lacht Diederichs.
Wir machen einen Zeitsprung und wenden uns dem Arbeitszimmer Thomas Manns zu. Wie bereits in der Bibliothek werden von den vor uns liegenden realkörperlichen Dingen Fäden geschlagen zu den virtuellen literarischen Welten, beide haben die Geschichte überlebt. Zu jedem der auf dem Pult und in den Nischen des Zimmers ausgelegten Gegenstände finde sich nämlich irgendwo im Werke Thomas Manns eine literarische Beschreibung. Herr Diederichs zückt seine Blätter und liest verschiedene Stellen aus des Dichters Werken vor, tatsächlich, die Zigarrendose steckt in den Buddenbrooks, das Gemälde, das Savonarola zeigt, in Fiorenza, sie sind minutiös geschildert. Ein Zeiten versetzender Bezug der Texte zu der jetzt vor uns liegenden, körperlich fassbaren Welt entsteht.
Dem zugrunde liegt Thomas Manns Montagestil, seine Gewohnheit, unzählige Quellen zu suchen, um sie dann auf irgendeine Art und Weise wieder in seinem Werk fruchtbar zu machen. Quellen können Bilder, Illustriertenromane, Dinge sein. Ganze Sammlungen von Illustrierten lägen hier im Haus, berichtet Diederichs und zitiert Mann noch einmal, diesmal in Bezug auf die Stadt Zürich. Wir zoomen aus und halten uns erneut den Horizont der Stadt, der direkt im Fenster hinter dem Pult liegt, vor Augen:
„Wenn ich aber Europa dachte, so war es eigentlich immer die Schweiz, die ich im Sinne hatte. Dies freie, kleine aber nicht enge sondern vielgestaltige und mehrsprachige, von europäischer Luft durchwehte und nach seiner Natur so grossartige Land, das ich liebe von jeher, von dem ich drüben immer ein gewisses Heimweh getragen habe. Es war im Besonderen die gute Stadt Zürich, die mir vorschwebte, die ich von jung auf oft besucht habe, in der ich immer gute wohlwollende Freunde hatte und die mir in den ersten Jahren der Emigration Schutz und Zuflucht und Arbeitsfrieden gewährte. So etwas vergisst nicht. Wo man es erfuhr, dahin zieht es einen zurück.“
Ein anderer Nobelpreisträger für Literatur, der Historiker Theodor Mommsen, äussert sich in etwas anderen Tönen über Zürich, auch ihm geht es nicht zuletzt um die Mädchen: „Ankunft Zürich Frühjahr 1852. Hier sind schöne Berge, klares Wasser, gute Seidenindustrie, auch Engländer zum Auslachen. Aber die Mädel versteht man nicht mit ihrem Zürittüütsch und Inschriften sind rar und gute Freunde sind noch viel rarer.“ Herr Diederichs meint einfühlsam, wenn einem ein Ort nicht zusage, so seien das doch die besten Voraussetzungen um zu arbeiten. Und in der Tat verfasste Mommsen einen grossen Teil seiner ausgezeichneten Römischen Geschichte während seiner Lehrtätigkeit in Zürich.
Unser Bummel führt uns nun steil abwärts, durch geplant angelegte Gärten und über den Seilergraben direkt zum Geburtshaus von Gottfried Keller. Wir betreten das Haus aber nicht, an dessen Tür man dazu aufgefordert wird, Whisky zu kaufen, sondern spazieren weiter, durch die Chorgasse, die uns als Idylle des 19. Jahrhundert angepriesen wird, zur Predigerkirche. Hoch über den Dächern blinkt hier der Hahnenspitz, dessen Gockel der kleine grüne Heinrich mit Gott gleichsetzt.
Und etwas weniger hoch in den Lüften ragt ein anderer Spitz in unser Blickfeld: die Figur auf dem Prediger-Brunnen direkt neben der Kirche. Der fahnenschwingende Knabe auf dem Frosch entspricht Froschauers Druckermarke und erinnert daran, dass hier die Geburtswiege des Zürcher Buchdruckes stand: Nur ein wenig um die Ecke, für heutige Augen versteckt in einem Innenhof, wurden im 16. Jahrhundert unzählige reformatorische Pamphlete und auch die Zürcher Bibel gedruckt. Froschauer muss so unglaublich hoch beschäftigt gewesen sein, dass er auch an Fastentagen in seiner Werkstatt weitergearbeitet haben soll. Daraufhin, so Diederichs, sei er vor den Grossen Rat gerufen worden, wo ihm aber Zwingli als Fürsprecher aus der Klemme geholfen habe. Er habe eine Schrift verfasst, Von der freien Wahl der Speisen, in der er sich erstmals gegen das katholische Fastengebot gewendet habe. Froschauer sei durch die Verteidigungsrede des Reformators freigesprochen worden und im Übrigen sei Zwingli selber ausdrücklich nicht am „Wurstessen“ beteiligt gewesen. Diederichs lacht laut über die „berühmtesten Würste der Kirchengeschichte“ und führt uns am Hotel Hirschen vorbei, wo Klaus und Erika Mann ab 1933 mit der Pfeffermühle aufgetreten waren und damit das politische Cabaret in die Schweiz importiert hatten. Wir machen also einen zünftigen Zeitsprung und landen da, wo Zürich als literarische Stadt viel hergibt: als vorübergehende Bleibe für Schriftsteller im Exil.
Die Spiegelgasse, die „literarischste Gasse Zürichs“ schreibt sich mit ihren ehemaligen Bewohnern in dieselbe Tradition ein. Innerhalb der Distanz eines kräftigen Steinwurfs reihen sich vier Aufenthaltsstätten mitunter aufrührerischer Geister aneinander. Wir beginnen bei Lenin, ohne lange zu verweilen. Schrecklich habe dieser über das bornierte Spiessertum der Stadt Zürich gewettert, während er in seiner Schreibstube die Revolution vorbereitet habe. Direkt daneben befindet sich die nächste Tafel der Erinnerung an einen zu jung, zu früh Verstorbenen: Georg Büchner. Dieser liess sich hier auf der Flucht nieder, sein revolutionäres Manifest Der Hessische Landbote mit dem schönen Aus- und Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ bescherte ihm jenseits der Grenze steckbriefliche Verfolgung. Der dreiundzwanzigjährige Büchner habe 1833 die Kühnheit gehabt, sich um eine Dozentur für vergleichende Anatomie an der noch jungen Uni Zürich zu bewerben; innerhalb von zehn Tagen habe er den Posten bekommen. Im Schnitt betreute der Mediziner nur ungefähr fünf Studenten, oftmals unterrichtete er diese zuhause, in seiner Kammer, hinter der Fassade mit der Steintafel, die jetzt von damals berichtet.
Unterricht genoss auch der junge Keller, und zwar nur einige Schritte neben Büchners Sterbebett in der Armenschule Zürichs. Grund dafür waren nicht der soziale Status der Familie, sondern vielmehr die Ansichten von Gottfrieds Vater: dieser war nämlich Schulvorstandsmitglied und schickte seinen Sohn aus sozialpädagogischer Überzeugung hin. Der Schriftsteller wird später davon schreiben, wie er zu seiner Schulzeit „geistig geköpft“ worden war, berichtet uns Herr Diederichs, der als Präsident der Gottfried-Keller-Gesellschaft ein besonderer Kenner Kellers ist.
Unsere Gruppe bewegt sich kaum vom Fleck in der literarischen Gasse, pro Pflasterstein gibt’s hier eine Anekdote zu erzählen. Als nächstes nämlich stehen wir vor dem Haus von Lavater, dem Mann, der von den Deutschen unter uns wegen seiner physiognomischen Theorien und Beobachtungen wiederholt mit Empörung angeprangert wird. Der Theologe war innig befreundet mit Goethe, welcher deshalb auch auf der obligaten Steintafel verewigt ist. Eines Tages kommt Goethe zu Besuch und trifft das Heim des trauten Freundes leer an. Er schaut sich um und findet den Text einer unfertigen Predigt auf des Pfarrers Schreibtisch. Goethe setzt sich hin, liest das Angefangene durch, und beschliesst, die Rede zu Ende zu schreiben. Als Lavater zurückkehrt, ist er hell begeistert, nimmt das Gemeinschaftswerk entgegen und hält diese Predigt aus zwei Federn am Sonntag vor seiner Gemeinde.
Wir lassen die beiden Prediger hinter uns, bevor deren Freundschaft zu sehr abkühlt, und finden uns wie Strandgut am unteren Ende der Spiegelgasse wieder. Hier habe ein ebenso gestrandeter holländischer Matrose, Jan Ephraim, eine düstere Spelunke namens Meierei geführt. Und die Räumlichkeiten ebendieser Kneipe dienten einigen vom Krieg angeschwemmten Exilanten als Geburtsort ihrer Kulturbewegung. Hier sind sie auf die Idee gekommen, Lautgedichte und andere Sinnentleertheiten aufzuführen und zu zelebrieren: Hugo Ball, Emmy Hennings, Richard Hülsenbeck, Tristan Tzara, man kennt die Namen. Sie waren Dada. Und sie trafen sich zu allabendlichen Veranstaltungen im Cabaret Voltaire, in des Holländers Kneipe. Von den Zürchern erst als „sittenrohe Asiaten“ missverstanden, wurde die Dadabewegung kurz darauf, oder spätestens als sie bereits zur erzählbaren Vergangenheit gehörte, „irre schick“, so Diederichs. Fast schon vergessen ist das leise Aufbegehren eines Herren, der gleichzeitig einen kräftigen Steinwurf die Gasse hoch gelebt und sich über den nächtlichen dadaistischen Lärm beschwert haben soll. Er muss tagsüber sehr beschäftigt gewesen sein, der gelehrte Herr, nur wir, die wir in der Geschichte zurückschauen, wissen bereits, dass sein Projekt nichts Geringeres als die Planung der russischen Revolution gewesen war.
Die Zeit für unseren Spaziergang ist langsam um, obwohl es noch so viel zu erzählen gäbe. Schnell wird eine letzte Auswahl getroffen. Beim Weinplatz, der zur Römerzeit Zollstation und somit Zentrum des Örtchens Turicum war, treffen wir letzte Bekannte. Im Hotel Storchen hätten sich Nelly Sachs und Paul Celan in einer langdurchredten Nacht kennengelernt, Zürich, Zum Storchen heisst die poetische Frucht dieser Begegnung, die Celan der Nelly Sachs widmet, und die wir jetzt vorgetragen bekommen. Eine ganz andere Begegnung spielte sich direkt gegenüber statt, und während sich unsere Köpfe von einer Häuserfassade zur nächsten drehen, erzählt Diederichs, was Casanova in seinen Memoiren zum Besten gibt. Im Haus zum Schwert, dem berühmten Hotel, in dem noch berühmtere Menschen abzusteigen pflegten, sei auch Casanova untergekommen. Und zwar direkt nach seinem Ausflug zum Kloster von Einsiedeln, welches in ihm so unerwartet starke heilige Gefühle weckte, dass er sich versucht sah, der Welt zu entsagen. Der Verführer offenbarte dem Abt seinen Wunsch einer Aufnahme unter den Benediktinerbrüdern, und er muss einige Überzeugungskraft besessen haben. Trotzdem bewies der Abt Menschenkenntnis, indem er dem eifrigen Gottesdiener zuerst eine Bedenkzeit mit Empfehlung an gute Zürcher Adressen vorschlug. Casanova reiste also erneut nach Zürich, noch ganz im Banne der geistlichen Welt, um in besagtem Hotel zu nächtigen. Der Traum währte nicht lange. Vor dem Hotel fuhr ein dunkler Wagen vor, heraus trat eine elegante weibliche Gestalt, und um Casanovas christliches Seelenheil war es geschehen. Verkleidet als Etagenkellner buhlte er um die Gunst der unbekannten Schönen. Ein wohlgestaltes Bein durfte er als Diener entkleiden, doch dann wurde er unvollendeter Dinge ganz nüchtern wieder entlassen. Da waren alle klösterlichen Vorsätze auf einen Schlag begraben und vergessen, Casanovas Jagdlust entflammt, und der Mann, wieder in seinem Element, reiste der Schönen hinterher.
Herr Diederichs aber bringt seine Schäfchen wohlbehütet in den Stall: im Literaturmuseum Strauhof findet unser Tag seinen Abschluss. Wir schauen uns jedoch nicht die Ausstellung an, sondern steigen in den ersten Stock des Altbaus, wo sich die James-Joyce-Stiftung einquartiert hat. Sehr freundlich werden wir empfangen und eingeführt in das Tun der Organisation. Das Ziel der Stiftung, Joyces Leben und Werk lebendig zu halten, kann an uns dankbar praktiziert und ausgeübt werden – doch das ist eine andere Geschichte
Als wir zuletzt wieder unter Zürichs blauen Himmel entlassen werden, ist die Stadt verändert. Es stehen da nicht mehr nur die Häuser, gehen nicht mehr nur die Lebenden durch eine geschäftige Alltagswelt, vielmehr ist das Sichtbare durchdrungen von Diederichs Stimme, von den Reminiszenzen und den Geschichten Verstorbener, die ein Stückchen geistige Gleichzeitigkeit mit unserer Gegenwart erhalten haben. Die Zeiten sind nur noch Schichten, die zufällig in einem Jetzt auftauchen und die dieselben Räume beleben wie wir.
Zur Autorin: Julia Ann Stüssi, 27, studiert Germanistik an der Universität Zürich. Zuvor hat sie bereits eine Ausbildung zur Choreographin in Holland absolviert; nebenher arbeitet sie abwechselnd im Theater, im Verlagswesen, in der Hotellerie, bei der Beratungsstelle für Sektenfragen und für die Universität. Sie ist in Zürich aufgewachsen und bekennt, durch den literarischen Spaziergang manch neue Ecke ihrer Heimatstadt kennen gelernt zu haben.
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