André Weckmann

Wir wollen endlich das sein, frei und ganz das sein, wovon wir schon so lange träumen: mündige alemannische Franzosen, mündige französische Alemannen.

Die Hauptbedingung zur Verwirklichung dieses Wunschtraums ist so paradoxal das für ein- oder hochsprachige Beobachter klingen mag daß der Dialekt das Fundament unserer kulturellen Existenz bleibt. Denn ohne ihn, der die wichtigste und originellste Ausdrucksform unserer Persönlichkeit ist, ginge unsere Eigenart verloren. Und ohne ihn wäre keine echte französisch-deutsche Zweisprachigkeit möglich. Er steht vor den beiden Hochsprachen nicht als Feind, sondern als Partner. Ein Partner, der sich im französischen Staatsraum bewegt als Regionalsprache und der zudem die Tür groß öffnet zur deutschen Standardsprache, also zur gesamtdeutschen Kulturwelt.

Es handelt sich also nicht darum, das Elsaß in seiner Bodenständigkeit abzukapseln und verspießern zu lassen. Es sollen vielmehr die vielgestaltigen Möglichkeiten, die diese Provinz bietet, dazu benutzt werden, unsere Horizonte zu weiten. Denn elsässische Zweisprachigkeit soll Verwurzelung und Weltoffenheit zugleich sein.

Das ist der elsässische Weg, der schwierige Weg, an dessen Ufer die Kritiker und Zweifler stehen und sagen: Wie sollten sie es schaffen...

Wir müssen es schaffen, wollen wir nicht in die Anonymität versinken, wollen wir nicht zu einem Allerweltsbrei werden. Wir müssen es schaffen, wir haben keine andere Wahl.

Dichter sein im Elsaß ist ein außergewöhnliches Los, letzten Endes. Da hantiert man mit zwei Hochsprachen, die uns einen Kommunikationsraum ermöglichen, der seinesgleichen sucht. Und daß dies heute ohne außenpolitische Hintergedanken und Unterstellungen geschieht, grenzt ans Wunderbare.

Da hantiert man zudem mit einem Dialekt, der noch echte Volkssprache ist und der sich, im Gegensatz zu den genormten Sprachen, in völliger Freiheit bewegt.

Und da lebt man in ständiger Osmose mit dem Volk, den Arbeitern und Bauern, den Krämern und Schreinern, unten im warmen Häcksel stroh. Und wir versuchen miteinander, uns der Bevormundung und Ausbeutung zu erwehren, und bei der Gestaltung unseres Lebens als Elsässer neue Akzente zu setzen:

„fer dass mer emol wédder / d füscht uf kenne mache un / d hand gan fer dass mer emol wédder / d äuje züe kenne mache un / dräime.“

Aus: André Weckmann, „Entscheide dich: jischt oder hott...“. Dankrede zum Hebelpreis 1976, In: Allmende 6, 1986, Heft 13, Seite 138-139