Adolf Muschg

Wo sie (die Alemannen, Anm. der Redaktion) hinkamen, da sitzen sie meist noch; was sie haben, haben sie. Ihre philosophische Untiefe widerlegen kann man nur, wie Heidegger, in der Zipfelmütze. Der glanzvollen Abwesenheit in der Geschichte entspricht eine vergleichsweise glanzlose Anwesenheit. Alemannen sind Binnenwanderer, wenn's hoch kommt; dabei gehen sie auf Sicherheit und verbreiten welche. Die Walserdörfer in Graubünden waren Stützpunkte landesherrlicher Ordnung, hoch über die unbotmäßigen Täler der Welschen gepflanzt. Da sitzen sie noch, sie haben die Täler germanisiert - ohne Sendungsbewußtsein, dafür waren sie zu arm. Nur durch glanzlose, aber tüchtige Anwesenheit. Ihre Kunst heißt: festhalten. Erst die karge Erde auf dem Felsen, und dann sich an dieser Erde. Sie sind da. Das ist so lange schön und ehrwürdig, als man daraus kein Lob des alemannischen Daseins zieht. Dann höre ich nur noch: Blasmusik.

Hätte ich einen deutschen Paß, so fiele es mir leichter - oder ich hätte mehr Lust dazu -, mich alemannisch zu fühlen. Ich könnte das Gefühl brauchen gegen allerlei forcierte Zugehörigkeiten: etwa diejenige zu einem deutschen Teilstaat. Oder zur Abgrenzung, etwa gegen Bayern. Gemeint wäre aber dann wohl eher: gegen Strauß und Stoiber. Und mit alemannisch meinte ich dann wohl auch: den grenzüberschreitenden Widerstand gegen heimatlose Kapitalverwertung, gegen Entwicklung um jeden Preis: also gegen Wyhl, Fessenheim, Kaiseraugst. Alemannisch würde dann heißen: lieber Stammheim bei Winterthur als Stammheim bei Stuttgart. Oder: lieber Gerold Späth als Lothar Späth. Alemannisch hieße dann: nie mehr Wacht am Rhein. Es hieße: unbekümmert um Grenzen reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Es hieße: jederzeit ein Stück weit auswandern, ohne den Boden zu verlieren ? einen Boden, der schön ist wie jede Heimat, und das bedeutet für den Einheimischen: wie keine andere. Es hieße eine Freundin in Basel oder Mülhausen, weil's nahe liegt. Es hieße: ohne staatlichen Segen irgendwo - nein: hier - dazugehören. Es heißt: Nachbarschaft schmuggeln. Dem Zöllner ein Schnippchen schlagen, ohne ihn als Menschen abzuschreiben - auch wenn er kein Auge zudrückt. Es heißt: Scheffels Ekkehard noch gelesen zu haben, ihn zitieren zu können ohne ihn ein Leben lang gut zu finden. Es heißt, zu wissen, daß man Wyhl nicht „Wühl“ ausspricht. Es heißt: sich wieder erkennen in Unerheblichem, das unersetzlich wird, weil man's gewohnt ist. Es heißt: zu „fremden“, wenn Gesichtsformen der Heimat, dir nicht schön sein müssen, weggeliftet, wegrationalisiert werden; sich für dieses Gefühl zu wehren und gegen jeden, der es einem ausreden oder abkaufen will. Es hieße - das heißt es. Vom Konjunktiv zuhanden deutscher Nachbarn bin ich in den Indikativ eigener Betroffenheit hineingerutscht; nicht als Alemanne, sondern als Nachbar. Aber legen wir das, was uns diese Nachbarschaft bedeutet, auf keine hohe Kante. „Alemannisch“ ist für mich ein Wort auf der Kante. Es kippt, sobald man es ausspricht. Bestätigen wir, daß wir zusammengehören durch eine kleine Vorsicht im Ausdruck dieser Zusammengehörigkeit. Machen wir keine große Zusammengehörigkeit daraus, dann braucht auch die Vorsicht nicht groß zu werden. Lassen wir's dabei, daß Größe nichts Alemannisches sei. Sparsam, gell? Also: sparen wir das Wort. Oder wenn wir uns einmal etwas leisten wollen: schenken wir es einander.

Aus: Adolf Muschg, Alle Mannen, alle ?. In: Allmende 1, 1981, Heft 1, Seite 4-5


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